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Morgen-Gedanken aus dem Pferdestall 3/7

Heute morgen war der Schmied da. Mein fixes Date alle zwei Monate. Seit 7 Jahren verbringe ich alle zwei Monate 2,5 bis 3 Stunden mit diesem Mann.

Während ich das erste Pferd am Strick halte, damit er in Ruhe ausschneiden kann, versucht mein linke Gehirnhälfte auszurechnen, wieviele Stunden das insgesamt inzwischen gewesen sind. Was übrigens überhaupt nicht klappt, denn wie immer sind meine Pferde sehr klar und fordern meine komplette Anwesenheit im Hier und Jetzt. Vielleicht KANN ich nach den vielen Jahren des Trainings auch schon gar nicht mehr NICHT da sein, wenn ich mit ihnen zusammen… ;-) Ich habe die Zeit dann nach dem Termin ausgerechnet: 26x pro Jahr 2,5 Stunden, das macht in 7 Jahren 455 Stunden oder 11,4 Arbeitswochen oder knapp 3 komplette Monate. Hochgerechnet auf die 30 Jahre, in denen ich mal mehr und mal weniger Pferde hatte als jetzt, komme ich auf einen Durchschnuttswert von 1950 Arbeitsstunden oder 48 Arbeitswochen, also quasi ein komplettes Arbeitsjahr, das ich mit Schmieden und Hufpflegern verbracht habe. Wahnsinn...! Heute war also nicht so wirklich Zeit zum denken. Die rechte Gehirnhälfte übernimmt das wahrnehmen und beobachten, denn die echte Arbeit macht ja beim Schmiedtermin ein anderer. Mir fällt auf, wie wir uns alle verändert haben im Laufe der Jahre. Die kleine Ribana, die anfangs ein zappelndes Jungpferd war, das weder einen Sinn im Füße hochhalten sah noch sich vernünftig auf drei Beinen ausbalancieren konnte, ist über die Jahre ruhig und zuverlässig geworden. Dafür fällt es einigen der alten Damen zunehmend schwerer, lange Zeit auf drei Beinen zu stehen. Nur meine alte Bibi, die nächsten Monat ihren 35. Geburtstag feiert, ist immer noch ein Vollprofi beim Schmied. Sie hat zwar sonst jede Menge körperlicher Baustellen, aber die Füße hochhalten ist kein Problem für sie. Das ist umso erstaunlicher, nachdem sie im Alter von ungefähr 12 Jahren ein so traumatisches Erlebnis bei einem Schmiedtermin hatte, dass sie damals über Monate hinweg die Hinterhufe überhaupt gar nicht mehr geben wollte. Jenes Schmiedeteam damals hatte gemeint, mit zwei gestandenen Männern könnte man so einem Knabstrupper wohl mal ein bisschen Benimm beibringen. Um ihr Zappeln beim Abnehmen der Eisen (ich hatte sie ein einziges Mal in ihrem Leben beschlagen lassen, weil wir einen längeren Wanderritt durch Dänemark gemacht hatten) zu unterbinden, wurde das Hinterbein mit dem Schweif hochgebunden, so dass Bibi bei jedem Zucken nun auch noch einen Schlag ins Kreuz bekam. Nicht wirklich hilfreich für ein Pferd, das eh schon überfordert und völlig drüber war. Dass dann zufällig auch noch der Chef dieses Schmiedetermins auftauchte und meinte, er müsse seinen Angestellten mal kurz zeigen, wie man so eine kleine Stute bändigt, machte es nicht besser. Ich musste mir damals die Katastrophe eine ganze Weile mit ansehen (ich dachte immer noch, das sind ja die Fachleute, die wissen wohl was sie tun…), bis ich den Mut aufbrachte, die drei Männer vom Hof zu jagen und mit einem Pferd, das hinten links immer noch ein Eisen dran hatte, zurückzubleiben… Niemals würde ich es heute auch nur ansatzweise nochmal so weit kommen lassen! Heute würde ich solche Menschen nicht einmal mehr in die Nähe meines Pferdes lassen. Aber es hat eine Weile gedauert, bis ich so viel Selbstbewusstsein entwickelt hatte, dass ich mich nicht mehr von Titeln und Berufsbezeichnungen beeindrucken lasse, sondern in allererster Linie als Anwalt meiner Pferde unterwegs bin und für ihre Interessen eintrete. Dem Schmied, der danach kam, werde ich bis in alle Ewigkeit dankbar sein, dass er nach dem Desaster mit Bibi mit aller Ruhe und Liebe gemeinsam mit mir daran gearbeitet hast, Bibi das Vertrauen in die Menschen an ihren Hinterfüßen zurückzugeben!! Es geht nämlich auch anders. Aber anders macht manchmal ein bisschen Mühe. Ich war damals völlig geplättet, als mein neuer Schmied (den alten habe ich nie wiedergesehen!) statt immer wieder auf die übliche Weise Bibi aufzufordern, das Hinterbein jetzt doch endlich mal stillzuhalten, zum Termin ein dickes Brett mitbrachte. Das schob er Bibi so unter den Huf, dass die vordere Kante überstand und legte sich dann selbst auf den Boden, um erstmal von unten am stehenden Pferd den Huf zu feilen. Ich fand das so unfassbar kreativ, ich wäre selbst nicht auf so eine Idee gekommen, aber es war genial! Für Bibi hat es das Muster, in dem sie in ihrem Trauma gefangen war, komplett aufgebrochen. Sie konnte wieder Vertrauen fassen und nach relativ rascher Zeit (was sind schon ein paar Monate, wenn du dein Pferd 30 Jahre hast) konnte der Schmied ihre Hinterhufe wieder auf dem üblichen Weg bearbeiten. So, jetzt hat sich diese Geschichte länger entwickelt als ich wollte. Denn eigentlich wollte ich von Drifa heute erzählen. Aber die Bibi-Geschichte musste vielleicht auch mal in die Öffentlichkeit… Was kann ich dir also daraus als Inspiration mitgeben? Es ist immer der bessere Weg, MIT einem Pferd zu arbeiten als dagegen. Druck macht es für das Fluchttier Pferd nur schwerer, mit dir zusammenzuarbeiten. Vielleicht kann man sich in einigen Fällen körperlich durchsetzen (bei Bibi schafften es nicht einmal drei Männer gleichzeitig), aber der Preis, den man für diesen vermeintlichen Erfolg zahlt, ist unfassbar hoch. Aber Bibis Geschichte soll auch Mut machen für alle, die Pferde übernommen haben, die solche oder ähnliche traumatische Erlebnisse hatten. Zeit und Liebe und kreative Ideen sind die wichtigsten Zutaten, um dein Pferd dabei zu unterstützen, seine Vergangenheit zu überwinden und loszulassen. Drifas Geschichte folgt dann in Kürze als Teil 2.


Foto: Bibi beim Wanderritt durch Dänemark September 1998 Kaffeepause am Stadtrand von Apenrade

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